Der Frankfurter Todestanz    →DETAIL

“Frankfurter Totentanz” im Frankfurter Kunstverein
Text Erhard Metz
→FeuilletonFrankfurt

Es ist das “Opus magnum” der Ausstellung “New Frankfurt Internationals 2015 Solid Signs”: zunächst einmal allein schon von seiner schieren materiellen Grösse her – nimmt die monumentale Darstellung doch eine gesamte Wandbreite im Obergeschoß des Frankfurter Kunstvereins in Anspruch. Und zweitens: kein anderes Werk dieser Ausstellung dürfte bei den Apologeten von immerwährendem Wachstum, Finanzkapitalismus und Globalisierung auf soviel Kritik, ja Missbilligung, Nichtachtung oder gar Häme stossen. Dies vor allem aktuell vor dem Hintergrund, dass die hochkriminellen Ausschreitungen im Rahmen der jüngsten “Blockupy”-Aktionen vom März dieses Jahres all die sehr wohl nachvollziehbaren gesellschaftspolitischen Thesen und Forderungen dieser und vergleichbarer anderer Bewegungen nachhaltig desavouiert haben. Florian Haas’ Arbeiten darf man einer “politischen Kunst” zurechnen.
Ansicht Frankfurter Kunstverein
Zugegeben: sein “Frankfurter Totentanz” ist skurril, drastisch, in vielem sarkastisch, kompromisslos-undiplomatisch. Kunst aber darf all das sein.

Was nun ist ein Totentanz, namentlich in der bildenden Kunst? Der Totentanz geisselt die Überheblichkeit, die Selbstüberschätzung, die Hybris, die Empathielosigkeit, die egoistische wie letztendlich in den Untergang führende materielle Raffgier, die dem Menschen innewohnen. Auf das 14. Jahrhundert geht er zurück, er stellt den Sieg des Todes über das strebende irdische Menschenleben dar. Wir denken an das “Memento mori” des 1. Petrus-Briefes: “Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume. Das Gras ist verdorrt und die Blume abgefallen”. Haas übersetzt das alles, den so verstandenen Totentanz, in unsere gesellschaftliche Gegenwart.
Detail
Berühmte Vorbilder hat Florian Haas: unter den aberhunderten von Motiven in Malerei, Zeichnung und Druckgrafik sei hier der “Totentanz” von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1526 genannt. Das Bildmotiv bedarf damals wie heute keiner Erläuterung:
Viel zu erklären oder gar zu interpretieren gibt es bezüglich dieser fast 13 Meter in der Breite messenden Monumentalarbeit nicht, weil die einzelnen Motive deutlich für die künstlerisch-politische Intention sprechen. Die Wandarbeit hat Haas eigens für die diesjährigen “New Frankfurt Internationals” geschaffen. Bewunderswert der Detailreichtum auf der riesigen Fläche, am Computer in minutiöser Kleinarbeit entwickelt.
Ansicht
Florian Haas ist ein weit über die Stadt Frankfurt am Main hinaus renommierter und geschätzter Künstler. Dem Frankfurter Publikum ist er insbesondere durch seine Ausstellungen in der Galerie Heike Strelow und im Frankfurter Kunstverein bekannt. Legendär sind die Serien seiner Pilz-Bilder, deren allegorischer Charakter die Vielfalt menschlicher Beziehungsgeflechte und gesellschaftlicher Befunde ebenso kritisch wie humorvoll-subversiv widerspiegelt – subversiv in Bezug auf die Tatsache, dass der weitaus grösste Teil dieser zwischen der Tier- und der Pflanzenwelt angesiedelten Organismen – dem Betrachter verborgen – unter der Erdoberfläche lebt und sich dort expansiv entwickelt.
Ansicht
Bekannt ist schliesslich auch das Bienen-Projekt der Künstlergruppe “finger”, das Florian Haas gemeinsam mit Andreas Wolf als “Stadtimkerei” seit 2008 Jahr für Jahr auf dem Dach des Frankfurter Museums für Moderne Kunst installiert: etwa 650.000 Bienen in zwölf Bienenstöcken sorgen für den Frankfurter “Museumshonig”. Mit dem Projekt und einem entsprechenden Lehrpfad auf dem Museumsdach machen Haas und Wolf auf die vielfältigen Überschneidungen gesellschaftlicher, tierwirtschaftlicher und künstlerischer Produktion aufmerksam.

“New Frankfurt Internationals” 2015 “Solid Signs”: Doppelausstellung im Frankfurter Kunstverein und im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden, bis 26. April 2015


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          Florian Haas / Grafik / Frankfurter Totentanz

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