BLUBBERBLASEN    → DETAIL

Zylvia Auerbach | Neue Arbeiten von Florian Haas

“Blubberblasen. Von schwarzen Löchern, Kuckucksuhren und dem ganzen Schnee von Gestern” ist der Titel der Ausstellung in der Frankfurter Galerie Heike Strelow (2012). Zu sehen sind großformatige Linolschnitte, die an Agitprop-Protestplakate der 70er-Jahre erinnern, eine surrealistisch naive Wandtapete sowie eine Gruppe virtuos figurativ gemalter Gemälde. Auf den ersten Blick scheint die thematische ebenso wie die formale Spanne, in der sich die Arbeiten bewegen, ungewöhnlich groß. Wären da nicht wiederkehrende Motive – Natur, Pilze und Bienen –, käme man kaum auf die Idee, dass es sich um ein und denselben Künstler handelt.

Die Mitgestaltung von Gesellschaft bleibt in den Arbeiten von Florian Haas nicht auf symbolische Gesten beschränkt - sowohl in seiner Arbeit mit Künstlergruppen als auch in den Bildern und der Druckgrafik. Die konkrete Gestaltung von Gesellschaft durch Kunst ist der rote Faden, der die verschiedenen Werkgruppen und ihre unterschiedlichen Ausführungen miteinander verbindet. Gleichwohl sind in der figurativen Ästhetik der Werke stets Lösungsansätze verborgen, sie können immer auch als gesellschaftsrelevante Kunstprojekte rezipiert werden.
Ansicht Frankfurter Kunstverein
Mit seinem Engagement in Künstlergruppen ist Florian Haas in Berlin bekannt geworden, etwa mit finger und dem Projekt „Evolutionäre Zellen“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, NGBK, 2002 und 2004. Als Maler beschäftigt er sich seit geraumer Zeit mit seiner eigenen Familiengeschichte. Selbstironisch beschreibt sich Florian Haas immer wieder als “Heimatkünstler”. Für History Blog, seine neue Werkgruppe, hat er über Jahre in privaten und öffentlichen Archiven Details und Ereignisse recherchiert und verarbeitet nun Briefe, Personalakten und Manuskripte seiner Vorfahren. Das auf der Tapete verwendete Bildmaterial wie z.B. Kinderbilder, botanische Zeichnungen, historische Postkarten, Buchillustrationen, Abbildungen aus dem Internet oder Familienfotos überträgt er dafür mittels eines Grafikprogramms akribisch in minutiös detaillierte Illustrationen.

Durch die gegenständliche, illustrative Methodik, welche der Werkgruppe zugrunde liegt, wird die Verknüpfung historischer Ereignisse wunderbar anschaulich, beispielsweise bei dem Bild des Rechtshistorikers Claudius von Schwerin, der ein Urgroßvater mütterlicherseits von Florian Haas war. Zu dessen Porträt steigen wie ein Schwarm Blasen voller weißer Rosen auf. Die Vorlage für diese Blumen stammt von der Briefmarke „Verfolgung und Widerstand 1933 - 1945“ der Deutschen Bundespost von 1983. So entsteht ein direkter Verweis auf die Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl. Die Brisanz der Szene erklärt sich aus einem unveröffentlichten Brief des Rechtshistorikers Prof. Hans Thieme an seinen Kollegen Wolfgang Simon, in dem es heißt:
Detail
» [...] Was nun die Geschwister Scholl betrifft, so wissen Sie vermutlich, daß Herr v. Schwerin zufällig an jenem 18.2.1943 durch das zweite Treppenhaus der Münchner Universität schritt, als die Flugblätter der Geschwister Scholl von oben herunter flatterten, und daß er den gerade vorbeikommenden Pedell (Hausmeister) anwies, dies abzustellen [...]«

Wie der berühmte Schmetterlingsflügelschlag große Ereignisse auslösen kann, führte hier die zufällige Überlagerung zweier Handlungen – der Abwurf der Flugblätter verbunden mit dem Auftreten des Herrn von Schwerin – zu einer Katastrophe. Immer wieder treffen die Ereignisse auf den Tapeten von Florian Haas auf den großen Strom der deutschen Geschichte. Der Betrachter wird Zeitzeuge, der Schleier der Vergangenheit lüftet sich und vergessen Geglaubtes wird zu neuem Leben erweckt. Hier berührt private Familienhistorie für einen kurzen Moment den Rockzipfel der Weltgeschichte.

Wir sehen Geschichte gerne vor dem Hintergrund großer Strukturen. Aber an den Wendepunkten der Menschheitsentwicklung wirkt immer der Einzelne. Was hätte stattdessen passieren können, wenn …? Die Kausalität der Geschichtsschreibung ist nie so eindeutig, wie es den Anschein haben mag. »Die
Frage: ›Was wäre geschehen, wenn das und das nicht eingetreten wäre?‹ wird fast einstimmig abgelehnt, und doch ist sie gerade die kardinale Frage.« (1)

Ansicht
Florian Haas ist ein weit über die Stadt Frankfurt am Main hinaus renommierter und geschätzter Künstler. Dem Frankfurter Publikum ist er insbesondere durch seine Ausstellungen in der Galerie Heike Strelow und im Frankfurter Kunstverein bekannt. Legendär sind die Serien seiner Pilz-Bilder, deren allegorischer Charakter die Vielfalt menschlicher Beziehungsgeflechte und gesellschaftlicher Befunde ebenso kritisch wie humorvoll-subversiv widerspiegelt – subversiv in Bezug auf die Tatsache, dass der weitaus grösste Teil dieser zwischen der Tier- und der Pflanzenwelt angesiedelten Organismen – dem Betrachter verborgen – unter der Erdoberfläche lebt und sich dort expansiv entwickelt.

Durch das visuelle Geflecht aus Grafiken, Bildern und Illustrationen lässt Haas auf seinen Tapeten eine eigenwillige Form der „Historienmalerei“ entstehen, deren Grundgerüst immer das Quellenstudium und die Recherche bilden. Die drei großformatigen Wandtapeten gliedern sich nach den Themen Familiengeschichte, Pubertät und regionalgeschichtlicher Kontext am Beispiel der Geschichte des Elsass.
Ansicht

»Vor Jahren habe ich mich auf die Suche nach dem brüchigen Gewebe meiner eigenen Familiengeschichte gemacht. Ich habe in Archiven gegraben und die Personalakten, Doktorarbeiten und Vorlesungen meiner Vorfahren gelesen. Und dann waren da noch die in alten Schuhkartons verwahrten Briefe und vergilbten Fotos. Eine Kinderlocke meines Urgroßvaters fand ich zwischen den Blättern einer Speisekarte aus den unschuldigen Jahren vor dem Krieg. Mein größter Fund aber war eine Mappe mit Kinderzeichnungen meines Vaters und seiner Geschwister«, erklärt der Künstler.

Florian Haas hat auf seinen Tapetenbahnen die Splitter seiner und unserer Vergangenheit in Seifenblasen verpackt, die sich wie Mikrosysteme spielerisch tänzelnd in die Lüfte erheben. Ahnte man nicht den Schrecken hinter manchen der fröhlichen Illustrationen, könnte man durchaus an eine Tapete in einem Kinderzimmer denken.

Der Betrachter bekommt in dieser Ausstellung erstmals die Möglichkeit, das den Wandarbeiten von Florian Haas zu Grunde liegende Konstruktionsprinzip in all seinen historischen Bezügen nachzuvollziehen. So sind die gesammelten Werke aus Haas‘ History Blog am Ende doch nichts weniger, als der Versuch einer neuen Geschichtsschreibung, die die eng umrissenen Grenzen der eigenen Herkunft überwindet.

Fussnoten

(1) Friedrich Nietzsche, 1875 (IV 1, 132)
(2) Holger Kube-Ventura: “Gruppenprojekte und Autorenwerke” in: Florian Haas – Bilder und Projekte,
2009, KANN-Verlag, Frankfurt am Main



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          Florian Haas / Grafik / Frankfurter Totentanz

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